
Denkzeichen in Berlin-Buch für die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morde von Patricia Pisani
Die ehemalige „Städtische Heil- und Pflegeanstalt Buch“ – Bestandteil der Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Krankenhausstadt in Berlin-Buch – war in der Zeit des Nationalsozialismus einer der Ausgangsorte für den Massenmord an geistig behinderten und psychisch kranken Menschen. Die Geschichte der Heilanstalt Buch im Nationalsozialismus verdeutlicht auch den engen Zusammenhang von nationalsozialistischem „Euthanasie“-Programm und der planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden. Mehrere Jahrzehnte wurde dies in der Geschichte der Bucher Krankenanstalten verschwiegen. Da das Areal heute kein öffentliches Gelände ist, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Eigentümern dort ansässig sind, haben das Bezirksamt Pankow und der Liegenschaftsfonds Berlin die Initiative übernommen und 2009 gemeinsam mit den Eigentümern und Nutzern eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung eines künstlerischen Wettbewerbes zur Errichtung eines Denkzeichens in Berlin-Buch für die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morde in Berlin-Buch gegründet. Wesentliche Unterstützung hat das Vorhaben von Beginn an durch Bürgerinnen und Bürger aus dem Ortsteil Buch, die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie den Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten erfahren. Die Bezirksverordnetenversammlung Pankow von Berlin hat sich mit ihrem Beschluss IV – 1185 vom 02.03.2011 für die Errichtung eines künstlerisch gestalteten Denkzeichens ausgesprochen.
Die Auslobung des Wettbewerbs ist dadurch ermöglicht worden, dass Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, Mittel aus dem Programm Künstlerische Gestaltung im Stadtraum für die Realisierung zur Verfügung gestellt hat. Die Auslobung des Kunstwettbewerbs und die Realisierung des Denkzeichens werden darüber hinaus durch Mittel des Hauptstadtkulturfonds, des Bezirkskulturfonds Pankow sowie mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Kooperation mit der BBB Management GmbH, der Evangelischen Lungenklinik Berlin (ELK), des Immanuel Krankenhauses Berlin-Buch, der Akademie der Gesundheit Berlin/Brandenburg e.V., der HOWOGE und insbesondere des HELIOS Klinikums Berlin-Buch ermöglicht.
Ziel des Kunstwettbewerbs ist die Realisierung eines künstlerisch gestalteten Denkzeichens in Berlin-Buch für die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morde auf dem Gelände des heutigen Klinikcampus C. W. Hufeland in sinnvoller Ergänzung zum zentralen „Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde am Ort der Planungszentrale, Tiergartenstraße 4 in Berlin“.

Mit dem Denkzeichen sollte ein Ort der Stille und des Gedenkens an die Opfer entstehen, an dem die Hinterbliebenen die Möglichkeit erhalten, ihrer getöteten Angehörigen am authentischen historischen Ort zu gedenken und der darüber hinaus über dieses Kapitel deutscher Geschichte informiert.
An dem anonym durchgeführten Einladungswettbewerb beteiligten sich acht Künstlerinnen und Künstler (Susanne Ahner, Tina Born, Arnold Dreyblatt, Sabina Grzimek, Patricia Pisani, Heike Ponwitz, Kai Schiemenz, Renata Stih & Frieder Schnock). Der Kunstwettbewerb für ein Denkzeichen in Berlin-Buch in Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und „Euthanasie“–Morde ist in der Preisgerichtssitzung am 24.05.2013 entschieden worden. Das Preisgericht hat einstimmig den Entwurf der Berliner Künstlerin Patricia Pisani zur Ausführung empfohlen.
Das Denkzeichen besteht aus einem Objekt aus Kunstharz, das in Form eines überdimensionierten weißen Kopfkissens als Symbol für das Ausmaß der Verbrechen an den Patienten auf der Rasenfläche platziert ist. Auf dem Kissen ist der Abdruck eines Kopfes zu erkennen, womit die Abwesenheit der Schutzbefohlenen und damit der Verlust, der im Ergebnis der Verbrechen entstanden ist, thematisiert wird. Die Vornamen der Opfer sind in Reliefbuchstaben auf der Oberseite des Kissens zu lesen und zu ertasten. Durch die leicht erhabenen Vornamen, welche die Oberfläche wie eingewebt überziehen, eröffnet sich eine weitere Dimension, die die Gefühle der Betrachter ansprechen soll.
Das Denkzeichen thematisiert so auf vielschichtige Weise die Verbrechen an den Schutzbefohlenen. Ohne in Pathos zu verfallen, wird hier in poetischer Form eine Leerstelle markiert und gleichzeitig den Angehörigen der Opfer die Möglichkeit zu trauern eröffnet.
Patricia Pisani wurde 1958 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sie studierte dort Bildhauerei und absolvierte anschließend ein Studium der Freien Kunst an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart. Seit 1993 lebt und arbeitet sie in Berlin.