
Denkzeichen für die Opfer der Haftstätte des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in der Prenzlauer Allee von Karla Sachse
Auf dem Gelände des Bezirksamtes Fröbelstraße an der Prenzlauer Allee und Fröbelstraße wurde im Keller des Hauses 3 durch das NKWD – das sowjetische Volkskommissariat für innere Angelegenheiten – eine Verhör- und Haftstätte eingerichtet. 1955 wurde sie dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR übergeben und bestand nach aktuellen Erkenntnissen bis 1956.
Zeitzeugenberichte belegen, dass an diesem Ort Menschen unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt waren und für viele Inhaftierte in diesem Keller ein Weg durch weitere Haftstätten und Speziallager begann.
Um an die Opfer stalinistischer Verfolgung zu erinnern, An diesem Ort soll künftig an stalinistischer Verfolgung, beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Prenzlauer Berg im Herbst 1998, die Geschichte des Haftortes in der Prenzlauer Allee zu recherchieren und eine Kennzeichnung des Gebäudes vorzunehmen.
Im September 2004 lobten die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur zusammen mit dem Bezirksamt Pankow, Abteilung Kultur, Wirtschaft und öffentliche Ordnung einen Kunstwettbewerb für ein Denkzeichen für die Opfer der Haftstätte des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und des Ministeriums für Staatsicherheit der DDR in der Prenzlauer Allee aus, zu welchem sieben Künstlerinnen und Künstler (David Adam, Pit Arens, Roland Fuhrmann, Victor Kégli, Patricia Pisani, Karla Sachse, STOEBO) eingeladen wurden. In seiner Sitzung am 09.12.2004 empfahl das Preisgericht den Entwurf „fragen!“ von Karla Sachse einstimmig zur Realisierung.

Auf einem 320 Meter langen Band aus schwarzem Acrylglas sind in weiß 61 „Fragen zu Haft und Folter, gerichtet in die Vergangenheit und Gegenwart“ eingraviert, welche auf dem Sims zwischen Keller und Obergeschoss das Gebäude umlaufen.
wer verschwand im Keller?
wer schloss die eiserne Tür?
wie kalt war die Wand?
was fühlte der kahl geschorene Kopf?
was beleuchtete die nackte Glühbirne?
wie schwer wog die Ungewissheit?
wo saß die Angst?
wie verging ein Tag?
wieviel Schweigen ertrug das Ohr?
was sagten geflüsterte Worte?
wann half ein Gedicht?
wohin traf der erste Schlag?
womit verbanden sie die Wunden?
wer hörte nachts die Schreie?
wer achtete auf die Schatten im Fenster?
wer sah die vermauerten Kellerluken?
warum?
wer suchte die Verschwundenen?
wie groß war die Angst vor den eigenen Worten?
wie wissen wir?
wann füllte sich der Körper mit Gleichgültigkeit?
wie schmeckte ein Schluck aus der Schüssel?
wann begann der Hunger?
wo stand der Kübel?
wieviel Wert hatte ein Krümel Zucker?
wie lang war ein Tag ohne Licht?
wieviel Nägel ragten aus der Pritsche?
wie fanden sie Schlaf?
Schüsse?
wer überlebte?
wohin dann?
wann weinten die Männer?
wann endete das Grübeln?
Hoffnung, worauf?
was wussten sie?
woher wissen wir?
wer will wissen?
Das Denkzeichen wurde am 21.10.2005 der Öffentlichkeit übergeben.
Auf der Grünfläche vor dem Zugang ist zudem seit April 2002 eine Erinnerungs- und Erläuterungstafel angebracht.